Ein Essay von Bernhard Heckler.
Für die Unvernunft ist es fünf nach zwölf. Ich merke es an mir selbst. Ich bin ein bestürzend vernünftiger Typ geworden. Das muss sich wieder ändern! Ich muss die Trendwende hinkriegen. Die Unvernunft neu lernen.
Und ich ermuntere auch Sie, liebe Leserin, lieber Leser: Seien auch Sie mal wieder richtig unvernünftig! Es wäre nicht nur gut für unser beider Seelenheil, sondern auch für die allgemeine Stimmung im Land. Wir müssen ausbrechen aus der selbstverschuldeten Mündigkeit!

Lassen Sie mich erklären, warum ich glaube, dass es jetzt an der Zeit ist zu handeln. Verstehen Sie mich nicht falsch: Dieses Plädoyer für mehr Unvernunft soll keine Diskreditierung der Vernunft sein. Die Vernunft ist eine hervorragende Sache. Laut Duden ist sie das „geistige Vermögen des Menschen, Einsichten zu gewinnen, Zusammenhänge zu erkennen, etwas zu überschauen, sich ein Urteil zu bilden und sich in seinem Handeln danach zu richten“. Aristoteles sagt, die Begabung zur Vernunft unterscheide den Menschen (das zoon logikon) vom Tier. Laut Descartes, dem französischen Philosophen, beschreibt sie zudem das menschliche Vermögen, „richtig zu urteilen und die Wahrheit von der Unwahrheit zu unterscheiden“.
Die Vernunft ist also in den politischen Verhältnissen der Gegenwart ein Antidot zum Rechtspopulismus. Ihr entspringt die wirksame politische Strategie, das bedrohliche zoon great again Donald Trump wahrheitsgemäß als das zu bezeichnen, was es ist: als weird. Ein seltsamer, unvernünftiger Typ. Und dann wäre da natürlich der Kampf gegen den Klimawandel. Im Anthropozän kann die menschliche Vernunft mit ihrer Kernkompetenz – An morgen denken! – noch zum entscheidenden Faktor werden.
Unvernunft hat einen eigenen Wert, sie hat subversive Gestaltungskraft
Aber: Keine Vernunft ohne Unvernunft. Die chinesische Lehre von Yin und Yang. Sie wissen schon. Die Vernunft kann nicht ohne ihr Gegenstück existieren. Verschwindet mit der Unvernunft also auch die Vernunft, wie der Daoismus es lehrt? Was kommt danach? Das Zeitalter des Bauchgefühls? Das klingt nicht gut.
In unserer aufgeklärten Welt ist die Unvernunft mehr als nur die Negation von Vernunft, sonst wäre sie nur Trotz. Sie ist aber eine Ergänzung. Sie hat einen eigenen Wert. Eine subversive Gestaltungskraft. Und eine psychische Entlastungswirkung. Vielleicht ist sie: das geistige Vermögen des Menschen, Einsichten kurz zu vergessen, Zusammenhänge zusammen hängen zu lassen, den Überblick zu verlieren und sein Handeln vielleicht morgen zu bereuen. Das klingt nach Spaß. Nach einem notwendigen Ventil. Nach einer Frage der hedonistischen Selbstverantwortung.
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir fällt die Entscheidung zu einer unvernünftigen Handlung immer schwerer, viel schwerer als früher. Ein klassischer Fall von Werden und Vergehen (der unvernünftige Jugendliche muss sterben, damit der vernünftige Erwachsene leben kann), aber trotzdem: Zunehmend beschleicht mich das Gefühl, dass da etwas aus dem Gleichgewicht gerät. Bei mir. Und in unserer gesamten Gesellschaft.
Stichwort Reverse Aging. Stichwort konstantes Kaloriendefizit. Stichwort zehntausend Schritte jeden Tag. Die Unvernunft als Haltung zum Leben, die immer auch ein Ausdruck des souveränen Umgangs mit den Dingen war, die sich unserer Kontrolle entziehen, ist auf dem Rückzug. Sie wird verdrängt von Fitness-Trackern, Vorsorgeuntersuchungen und der Einhaltung von immer neuen Ernährungsregeln („nur ein Ei pro Woche“). Dahinter steht eine von Politikerinnen, Medizinern und Lifecoaches gemeinsam erschaffene, beruhigend gemeinte Illusion von Kontrolle und Eigenverantwortung. Dein CO₂-Fußabdruck ist entscheidend! Du entscheidest, wie alt du wirst – es ist nur eine Frage der richtigen Ernährung! Du kannst werden, was du willst! All das: Klingt gut, stimmt aber leider nicht. Mit der Unvernunft verschwindet der positive Fatalismus, also die Resilienz gegen die reale Ohnmacht gegenüber dem Verlauf des eigenen Lebens und dem Lauf der Dinge.
Eine Frage: Wie geht es Ihnen bei der Vorstellung, heute beim Spazierengehen von einem herabfallenden Klavier erschlagen zu werden? Hat diese Vorstellung, dass alles sehr rasch zu Ende sein kann, einen Einfluss darauf, was Sie heute zu Abend essen wollen? Den geplanten Quinoa-Salat? Oder doch eher einen Double-Cheeseburger? Lassen Sie mich raten: Sie essen trotzdem den Quinoa-Salat. Sie wollen das mit dem Abnehmen jetzt endlich durchziehen.
Immer öfter bleibt man beim alkoholfreien Weißbier, morgen ist ja wieder ein voller Arbeitstag
Ich bin auch nicht besser. Mein Gott, jetzt betrink dich doch wenigstens ein kleines bisschen, denke ich mir immer häufiger bei Restaurantbesuchen mit Freunden an Wochentagen, bleibe aber dann doch wieder nur beim alkoholfreien Weißbier, weil morgen ein voller Arbeitstag wartet und ich noch dieses Essay über Unvernunft schreiben muss.
Dass ich genau das jetzt nüchtern und konzentriert tue, ist schon ein dialektisches Problem. Wäre der Text nicht viel interessanter und näher am Thema, wenn ich ihn zunächst bis zehn Minuten vor der endgültigen Deadline prokrastiniert und dann im Vollrausch geschrieben hätte? Aber ich bin noch in der Probezeit. Lieber nichts riskieren, nicht unvernünftig werden, nicht mal jetzt, wo es sogar inhaltlich begründet wäre. Lieber eine solide geschriebene Geschichte pünktlich abgeben.
Mein jüngeres Ich würde mich verachten für diese Biederkeit. Hast du vergessen, was die wichtigste Zutat einer wirklich guten Geschichte ist?, würde der achtzehnjährige Bernhard mich durch die Raumzeit anschreien. Sie ahnen, welche Zutat er meint. Verzweifelt fügt er an: Ohne gute Geschichten sind wir NICHTS! Er hat noch nicht das langweilige Selbstvertrauen des gegenwärtigen Bernhard, dass man sich allgemeine Wertschätzung nicht mit einer besten Anekdote aller Zeiten nach der anderen immer wieder neu verdienen muss. Bei ihm hat das alles noch eine größere Dringlichkeit. Aber das ist ein anderes Essay. Hier sind jedenfalls zwei beispielhafte Anekdoten von früher. Sie haben beide mit der Kernkompetenz der Unvernunft zu tun: Nicht an morgen denken!
Anekdote eins. Ich habe einmal 265 Euro Überziehungsgebühr in der Videothek meines Vertrauens bezahlt. Es ging um einen Titel, den ich mir zur Feier meines achtzehnten Geburtstags ausgeliehen habe. (Es war eine symbolische Leihe. Das Internet gab es damals schon.) Der fragwürdige Titel des expliziten Werks: „Geschändet in der Savanne“. Als ich den Film nach Ansicht auf dem Weg zur Schule zurückbringen wollte, ist er mir während der Fahrradfahrt unbemerkt aus der Tasche gefallen. Ich habe ihn nicht wiedergefunden. Und dann das Problem in einem einmaligen Akt der Unvernunft einfach ignoriert. So lang, bis ein Schreiben der Videothek in unserem Briefkasten lag, an meinen Vater adressiert, der mir das Videotheken-Konto eröffnet hatte, als ich noch minderjährig war. Er war nicht begeistert.
Anekdote zwei. Aus der Grundschulzeit. Ich war kulinarisch nicht einverstanden mit den Pausenbroten, die meine Mutter mir schmierte. Mit Frischkäse und Gurken. Viel zu gesund. Statt sie zu essen, kaufte ich mir in jeder großen Pause beim Imbiss eine Kaisersemmel und eine Handvoll Gummibärchen. Ich höhlte die Semmel aus, füllte sie mit den Gummibärchen und schwelgte in Hochgenuss. Ich vergaß regelmäßig, meine eigentlichen Pausenbrote diskret zu entsorgen, und brachte sie ungegessen zurück. Die Kränkung der immer noch vollen Brotzeitbox wollte ich meiner Mutter ersparen und warf die Brote stattdessen zu Hause auf den Balkon. Ich war der Einzige aus der Familie, der direkten Zugang hatte. Es war Winter. So ging es monatelang. Bis meine Mutter eines sonnigen Februarmittags entschied, ein Sonnenbad zu nehmen. Sie entdeckte den mannshohen, grünen Schimmelberg. Sie war nicht begeistert.
Kaisersemmel mit Gummibärchen: Die Unvernunft ist der Motor der besten Geschichten

Was ich mich heute frage, also in einer Zeit, in der ich mein Vollkornbrot freiwillig mit Frischkäse und Gurken bestücke und meine Pornografie ethisch bewusst und in Maßen konsumiere: Waren diese unvernünftigen Handlungen der Vergangenheit nicht in Wahrheit Freud’sche Fehlleistungen? Ich unterstelle meinen jüngeren Ichs die – noch vorbewusste, aber trotzdem schon in den DNA-Spiralen wirkende – Überzeugung, dass die Unvernunft der Motor der besten Geschichten ist.
Und es stimmt doch auch. Was für Partygespräche würden wir führen, wenn wir alle nach der zweiten Weißweinschorle nur noch beim Wasser bleiben und uns darüber austauschen, wie reibungslos die Anreise verlaufen ist und wie fristgerecht wir unsere Steuern bezahlt haben? Nicht, dass hier der Eindruck entsteht, die Berauschung mit Alkohol sei das einzige Instrument zur Herbeiführung der Unvernunft. Es geht auch ganz ohne Nervengift.
Buchen Sie doch für den nächsten Urlaub ein nicht stornier- oder umbuchbares Flugticket und verlassen Sie dann fünfundvierzig Minuten zu spät das Haus. So wird schon die S-Bahn- beziehungsweise Taxifahrt in Richtung Flughafen zum Abenteuer, mithin zur existenziellen Erfahrung. Die Kolleginnen und Kollegen werden Ihnen die Schilderungen ihrer Last-Minute-Ankunft am Gate mit Empathie und begeisterter Zuhörerschaft danken.
Unvernunft ist sexy und glamourös. Unvernunft, das ist: sich direkt nach dem Zähnebleachen einen Kaffee und eine Zigarette gönnen. Die Rückverfärbung spüren und genießen. Nach dem Body-Pumping-Kurs im Fitnessstudio drei Limoncello Spritz trinken. Die klebrigen Kalorien, die Verhinderung des Muskelaufbaus, für den man sich gerade so angestrengt hat – köstlich. Sich für 700 Euro ein Designerhemd kaufen, wenn man 700 Euro auf dem Konto hat. Sie werden nie ein Kleidungsstück so sehr lieben. Auf die dritte Mahnung warten, bis man den Strafzettel bezahlt, mit der spielerischen Neugier im Hinterkopf, wie das denn ist, wenn mal wirklich das Inkassounternehmen vor der Tür steht.
Natürlich sind alle diese Vorschläge, bei vollem Bewusstsein – also unter Anstrengung der vollen Vernunftspower – etwas Unvernünftiges zu tun, konzeptionell ausbaufähig, weil es ja alles absichtlich herbeigeführte, künstlich konstruierte Situationen sind, die mich oder Sie wieder ein bisschen an den Bereich des Unvernünftigen heranführen sollen. Aber Übung macht den Meister.
Profi-Unvernünftige beherrschen die Unvernunft so selbstverständlich, dass sie nicht mehr über sie nachdenken müssen. In der Sportwissenschaft spricht man von der variablen Verfügbarkeit. Damit ist gemeint: Steph Curry wirft ohne zu denken einen perfekten Dreier nach dem anderen. Eine Fähigkeit, die ich nicht habe, weil ich über einzelne Bewegungsschritte nachdenken muss und somit die Ausführung behindere. Ich bin im Bereich Basketballwurf irgendwo zwischen den Stadien der Grob- und der Feinkoordination. In Sachen Unvernunft ist das ähnlich. Früher konnte ich auf Knopfdruck mit geschlossenen Augen unvernünftig sein. Sie vielleicht auch. Jetzt müssen wir uns anstrengen.
Und das tun wir, weil wir wieder in die Bereiche vordringen wollen, in denen die guten Geschichten geschrieben werden, in denen wir uns endlich mal wieder ausgiebig über uns selbst ärgern können, wie bescheuert das gerade war, und in denen wir uns dann beim nächsten Mal freuen, dass wir es diesmal vernünftiger hingekriegt haben als beim letzten Mal.
Seien Sie nach dem nächsten aus Cholesterinpegel-Sicht fragwürdigen Essen stolz auf sich. Irgendwo anders auf der Welt hat jemand seinen alten Diesel umweltverträglich umrüsten lassen. Es geht immer um das Gleichgewicht. Um Yin und Yang.
UN•VER•NUNFT
/Unvernunft/ Substantiv, feminin [die]
geistige Fähighkeit des Menschen, die Zusammenhänge und Ordnung in dieser Welt wahrzunehmen und sie dann für einen kurzen Moment einfach mal zu vergessen.
Good idea, let’s be unvernünftig! 🤓🥳😁
Und was habt ihr so unvernünftiges getan?