A must-read from SZ Magazin. Enjoy! Warning: it might make you want to pack your bags…
The author is called Nele Sophie Karsten and the Text is from 15th October 2025.
EIN ZIMMER, KÜCHE, FREIBAD

In Vöslau kann man kleine Wohnungen, sogenannte Kabanen, direkt im Schwimmbad mieten. Ein Besuch und die Frage: Kann ein solcher Ort ein Zuhause sein?
»Sehr geehrte Badegäste, es ist Badeschluss!« 19.15 Uhr, gleich gehört das Bad nur noch den Kabanesen. Ein Dienstag Ende August, 23 Grad, der Himmel leuchtet spätsommerblau. Handtücher bedecken die Liegewiese. Eben noch übte ein Mädchen Rollen im Wasser, eine Frau kramte die Sonnencreme aus ihrer Tasche, eine Brustschwimmerin mit Dauerwelle richtete zwischen zwei Zügen ihre Sonnenbrille. Aber jetzt verlassen die Letzten das Becken. Picknickdecken werden gefaltet, Badeanzüge ausgewrungen, Wassermelonenschalen entsorgt, und binnen weniger Minuten verwandelt sich das Thermalbad Vöslau von einem lauten, bunten Freizeitpark in eine fast mystische Oase der Ruhe. Das Wasser glitzert. Um 20 Uhr sind alle weg.

Die Welt der Tagesgäste. Das Thermalbad bei Nacht bleibt ihnen versperrt.
Aber nicht Sonja Littig. Sind die Tagesgäste endlich fort, fängt für sie der Tag erst an. Die 70-Jährige lebt jedes Jahr von Ende April bis Ende September im Freibad, offiziell, mit angemeldetem Zweitwohnsitz. Seit 1998 mietet sie die Kabane Nr. 73, eine kleine Wohnung wenige Meter vom Beckenrand entfernt. Im Osten Österreichs vermieten einige Bäder solche Wohnkabinen für eine Saison. Der Andrang in Bad Vöslau, rund vierzig Kilometer südlich von Wien gelegen, ist so groß, dass ein Aufnahmestopp verhängt wurde, niemand Neues darf derzeit auf die Warteliste. Und für die Glücklichen, die sich doch einschreiben konnten, beträgt die Wartezeit in der Regel mehrere Jahre, denn wer erst mal eine Kabane hat, gibt sie kaum auf.
Sonja Littig verbringt ihre Sommer im Freibad. Woandershin in den Urlaub fährt sie nicht.

102 Kabanen und 82 ganzjährig bewohnbare Apartments für zwei Personen (im Winter bleiben Saunen und Wellnessbereich geöffnet) vermietet das Thermalbad Vöslau. Das kostet je nach Größe, Lage und Ausstattung zwischen 2700 und 5500 Euro pro Saison. In der Miete inklusive: die Benutzung der Anlage auch außerhalb der Öffnungszeiten. Die Schwimmbecken werden nicht gesperrt, Kabanesen dürfen auch um halb drei nachts baden gehen. Was macht den Zauber aus, der in so vielen Menschen eine Sehnsucht entfacht? Und Sehnsucht nach was eigentlich? Nach einer nahen Ferienunterkunft, nach der Erfüllung eines Kindheitstraums oder schlicht nach der Möglichkeit, auch nach Mitternacht noch Bahnen zu kraulen?
Wenige Meter neben dem Pool ist Sonja Littig in ihrer abendlich beleuchteten Kabane.

Die Wiese ist bis auf ein paar vergessene Chipstüten leer, das Wasser liegt glatt da, kein Mensch ist zu sehen, während die Sonne das Bad in orangefarbenes Licht taucht. Man hört die Vögel zwitschern. Wurde hier nicht gerade eben noch Federball gespielt, sprangen nicht vorhin Kinder schreiend vom Beckenrand? Vielleicht erklärt das schon viel von der Magie eines Sommers im Thermalbad: jeden Tag diese Verwandlung mitzuerleben. Und sich an einem Platz zu wissen, der den meisten Menschen verschlossen bleibt.
Freibad, das ist für viele Kindheit, endlose Sommerferien, der Geruch von Pommes, Sonnencreme und Chlor, faulenzen. Freibad ist fast mehr ein Gefühl als ein Ort. Kann man dieses Gefühl mit einer Kabane mieten? Wie kann ein Ort, der für die einen ein paar Stunden Vergnügen bedeutet, für die anderen ein Zuhause sein? Und was passiert in der Nacht im Bad, die den Kabanesen allein gehört?
Die Semmeln kommen morgens in einem Korb an einer Schnur
Das Wort Kabane stammt aus dem Französischen und bedeutet Hütte – es wird Sonja Littigs Freibadheim nicht gerecht. Vor der Eingangstür wächst ein kleiner Feigenbaum, bald sind die ersten Früchte reif. Littig serviert selbst gebackenen Apfelstrudel auf ihrem überdachten Balkon. Sie lebt auf neun Quadratmetern Wohnfläche plus 16 Quadratmetern Balkon – ihre Tochter mietet die Nebenkabane, die Balkone haben sie zusammengelegt – mit einem Schlafsofa, einer Waschmaschine, einem Herd mit Ofen, einem großen Kühlschrank und vielen Büchern. Ein Foto zeigt Littigs Mutter mit Sonnenbrille und Perlenkette am Beckenrand, auch sie bewohnte bis zu ihrem 80. Lebensjahr eine Kabane und zog später in ein ganzjährig bewohnbares Apartment um. Toilette und Dusche haben die älteren Modelle nicht, man teilt sich ein Sanitärhäuschen mit den anderen Kabanesen, so nennen sich die Badbewohner selbst. Littigs Tochter wurde Sommer für Sommer rund ums Wasser groß. Sie und ihre Freundinnen hätten auch mal zu sechst auf dem Balkon übernachtet, wie die Ölsardinen, erzählt Littig. »Ich habe hier auch schon für zwölf Kinder Spaghetti gekocht.« Mit einem kleinen Korb an einer Schnur ließ Littig Teller, Besteck und Nudeln zur Liegewiese hinab. So empfing sie auch ihre Semmeln am Morgen, die ihr ein befreundeter Kabanese vom Bäcker mitbrachte und in den Korb legte. »Privatsphäre gibt es kaum. Das Bad hat tausend Augen, und die Wände sind recht dünn. Allein bist du nie«, sagt Littig. Aber das sei nicht schlimm, denn über die Jahrzehnte hinweg habe sie hier zig Freundschaften geschlossen.
Erinnerungsfotos an der Wand in Littigs Kabane. Auch Littigs Mutter war Kabanesin, Littigs Tochter mietet die Kabane nebenan.
Mit großer Geste lässt Littig den Arm über das Bad schweifen. »Ich bin Großgrundbesitzerin.« Natürlich nicht ganz, sie besitzt hier ja nichts, aber das mit dem Großgrund stimmt: 45 000 Quadratmeter Gelände mit 4000 Quadratmetern Wasserfläche misst das Thermalbad Vöslau, ein altehrwürdiger Ort, eröffnet 1873. Mitglieder des Kaiserhauses, Arthur Schnitzler und Paul Neumann, ein späterer olympischer Schwimm-Goldmedaillengewinner, lernten in Bad Vöslau schwimmen. Ein katalogschönes Paralleluniversum: Bäume und Sträucher wachsen hier und da, rechts steht der Eispavillon, links riecht es nach Pommes aus dem Imbiss »Kabane 21«. Platanen überragen das sogenannte Grüne Becken, wo unbehandeltes Quellwasser fließt. Dem Vöslauer Wasser werden heilende Kräfte nachgesagt, es soll Rheuma-beschwerden lindern und Operationswunden heilen. Neben dem Bad steht ein riesiges Kurhotel, wenige Straßen weiter wird das gleichnamige Mineralwasser abgefüllt.
Die Tage, erzählt Sonja Littig, verbringt sie am liebsten so: Frühmorgens barfuß im Bademantel auf die Wiese, Tautreten im Gras und Qigong. Anschließend kneippt sie eine Runde durch die Quelle. Danach der erste Kaffee auf dem Balkon, duschen und in der Quelle schwimmen. »Wenn das Bad morgens um sechs ganz leer und alles ruhig ist – traumhaft ist das.« Tagsüber versteckt Littig sich im Ruhebereich der Sauna vor den Gästen. Sie liest Romane und strickt, bis der Abend kommt. Fünfzehn Minuten lang darf nach dem Badeschluss niemand ins Wasser. Dann kommen die Kabanesen mit Handtüchern hervor.

Christian Polak fing hier mit 23 Jahren als Bademeister an, heute ist er 45 und verantwortlich für Technik und Instandhaltung. »Die Kabanesen sind eine ganz eigene Sippe«, sagt er. Wer eine Kabane mieten will, muss nicht nur das Glück haben, auf der Warteliste nachzurücken, sondern sich auch in einem Bewerbungsgespräch beliebt machen. »Mäkelige Leute lehnen wir ab«, sagt Polak. Wie verstehen sich denn Tagesgäste und Kabanesen? Polak: »Die Viertelstunde Badeverbot nach dem offiziellen Badeschluss haben wir eingeführt, weil Gäste sich beschwert hatten: Wieso darf die denn jetzt ins Wasser und ich nicht mehr?« In der Regel aber sei alles friedlich. Und wenn auch der Bademeister Feierabend hat und die Kabanesen nachts allein mit sich im Bad sind – feiern sie dann geheime Partys? Christian Polak grinst: Die meisten Bewohner seien ja nun in einem Alter, wo man entweder noch nicht oder nicht mehr allzu wild feiere.
Wenn man im Urlaub einfach mal nichts tun will: Muss man dafür zwangsläufig weit weg?
Was macht eigentlich einen Urlaub aus? Einfache Antwort: Erholung, gut essen, einfach mal nichts tun. Schwierigere Frage: Muss man dieses Nichts zwangsläufig weit weg tun? Reisen wir womöglich viele Flugstunden auf andere Kontinente, bloß weil wir es können, um dann festzustellen, dass uns die Fremde eher aufreibt als entspannt? »Vielleicht ist das Glück näher, als du denkst, und hängt im Harz an irgendeiner Klippe«, sagt der Oberst in Theodor Fontanes Roman Cécile. Die Kabanesen scheinen ihr Glück, ihre Klippe im Harz, im Freibad gefunden zu haben.
21 Uhr, unter der weinberankten Pergola hört man es kichern. Sonja Littig: »Das sind sicher die Kartendamen.« Um einen weißen Plastiktisch versammelt sitzen Heidi, Andrea, Christine, Elfie und Therese auf Plastikstühlen und spielen Canasta. Neben ihnen eine gut geleerte Flasche Likör, zwei Flaschen Sekt, Salzbrezeln. »Servus, Sonja!«, rufen sie. Vor langer Zeit haben sich die Damen im Bad kennengelernt, sicher zwanzig Jahre sei das her. »Wir gehören alle schon zum Inventar«, sagt Andrea, 62. Sie kam mit 16 zum ersten Mal hierher, ihre Kabane mietet sie seit mehr als vierzig Jahren. Die Kartenrunde findet fast jeden Abend zusammen. Über ihren Köpfen sind ein Stromkabel um den Holzbalken gewickelt und eine Lampe installiert, damit man die Karten nachts gut sieht. »Wir haben schon bis zwei in der Früh gespielt«, sagt Heidi. Andrea erzählt, im Dunkeln gehe sie auch gern mal nackt schwimmen. Der einzige Mann in der Runde ist Gerhard, Ehemann von Heidi. Wo sind die restlichen Männer? Die seien entweder tot oder schauten Fußball, sagt Andrea.
Die sogenannten Kartendamen, von links im Uhrzeigersinn: Andrea (mit Zopf), Therese, Elfie, Christine, Heidi.

22 Uhr, das Mondlicht spiegelt sich im Quellbecken. Ein einsamer Nachtschwimmer treibt auf dem Rücken. Am Wäscherondell neben einer Holzbank hängt ein wohl vergessenes Handtuch, daneben ein Paar Flipflops. Stille. In manchen Kabanen brennt Licht, aber die meisten Bewohner scheinen schon im Bett zu sein. Das Wasser liegt da, als ruhe es sich aus vor der nächsten Schicht, in der es wieder besprungen, durchtaucht, verspritzt wird. Es fühlt sich verboten an, jetzt hier zu sein – als wäre man nach Mitternacht im Museum oder im Supermarkt, allein an einem Ort, von dem man Leere und Dunkelheit nicht kennt.
Sieben Uhr am nächsten Morgen. Vor dem Eingang des Thermalbades füllt eine Frau routiniert zwei große Karaffen Quellwasser ab – heilende Kräfte to go. Drinnen zieht die Kartendame Elfie schon ihre Runden: »Morgens ist es am schönsten zu schwimmen!« Ihre Freundinnen schlafen noch. Ein Herr trottet zum Beckenrand, lüftet den Bademantel und steigt ins Becken. Er nickt Elfie zu: »Morgen.«
Die Kabanesen sitzen auf ihren Balkonen und gucken vor sich hin. Daunendecken werden ausgeschüttelt, Frühstückstische gedeckt, Eier gepellt. Eine Frau sichert sich mit ihrer Liege einen Platz auf der Insel im Grünen Becken. Um Punkt acht Uhr strömen die ersten Besucher durch die Drehkreuze am Eingang. Ein neuer Tag im Thermalbad Vöslau beginnt. Also der Teil, den alle zu sehen bekommen.
And? Ready to move? 🌞 🏊